Wie wird Insektenprotein hergestellt?

Wir alle haben sie schon gesehen: Menschen im Safari-Outfit, die mit einem Fangnetz bewaffnet Wälder und Wiesen nach essbaren Insekten durchforsten. Nicht? Natürlich nicht. Essbare Insekten werden gezüchtet. Wie die Zucht von Insekten und die Herstellung von Insektenprotein abläuft, erfährst Du im Folgenden.

Autor:  Bastian
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Insektenzucht in der Insektenfarm

Rinder im Stall, Fische in Aquakultur, Pflanzen im Gewächshaus. Und Insekten? In der Insektenfarm. So ist gewährleistet, dass die ohnehin schrumpfenden Insektenpopulationen in freier Wildbahn den Menschen nicht auch noch zum Fressfeind haben. Und – dank von der Außenwelt abgeschirmter Räumlichkeiten – so, dass die Gefahr einer Belastung durch Keime und Krankheiten gegen Null geht und somit auf Antibiotika oder chemische Substanzen verzichtet werden kann. Wie genau das vonstattengeht, erfährst Du im Folgenden.

Standort

Große kommerzielle Insektenfarmen liegen in Regel eher in ländlichen als in städtischen Gebieten. Kleinere – und das ist ein weiterer Vorteil von Insektenprotein – sind auch für städtische Standorte geeignet. Nicht für die Insektenzucht geeignet sind dagegen Industriegebiete, in denen die Gefahr von Wasser- und Luftverschmutzung besteht, sowie landwirtschaftlich genutzte Gebiete, die das Risiko einer Kontamination durch Pestizide bergen.

 

Ausrüstung

Im Aufzuchtstall gelten strenge Hygiene- und Umweltvorschriften, beispielsweise im Bezug auf Luftzirkulation, Temperatur oder Abfallentsorgung. Die einzelnen Haltungsbereiche sind jeweils mit Wasser- und Futterspendern ausgestattet, die an die Bedürfnisse der jeweiligen Insektenart angepasst sind.

Hier kommt ein weiterer Vorteil der Insektenzucht zum Tragen: vertical farming. Während ein Kuhstall in der Regel auf eine Ebene beschränkt ist, besteht bei der Insektenzucht die Möglichkeit, mehrere Haltungsbereiche übereinander zu stapeln. Eine besonders platzsparende Methode. Besonders effizient ist diese Vorgehensweise bei der Zucht von Buffalowürmern und Mehlwürmen. Da sich diese ausschließlich horizontal bewegen, erfolgt die Zucht auf flachen Tabletts, von denen sich besonders viele übereinander stapeln lassen, was für eine noch größere Platzersparnis sorgt.

Zur Ausrüstung gehört darüber hinaus auch ein System der Biosicherheit, das verhindert, dass Krankheiten von außen in die Insektenzucht hineingetragen werden.

Eier

Neue Züchter:innen müssen Eier oder Larven von anderen Züchter:innen kaufen, um mit ihrer Produktion zu beginnen. Nach dem ersten Aufzuchtzyklus können die Eier gesammelt werden, um sie im zweiten Zyklus und den folgenden Zyklen zu verwenden. Hier gilt es zu beachten, dass die Gesundheit und Vitalität der Tiere erhalten bleibt und Inzucht innerhalb der Kolonie vermieden wird.

Aufzuchtzyklus

Der Aufzuchtzyklus bei der Insektenzucht variiert je nach Art, läuft aber zumindest in groben Zügen ähnlich ab wie bei der Grille. Jedes Grillenweibchen legt zwischen 1 100 und 2 400 cremefarbene, 2 bis 3 mm lange Eier, aus denen nach 10 bis 14 Tagen das Nymphenstadium schlüpft. Die Nymphen leben zwischen 40 und 45 Tagen, nachdem sie sich gehäutet haben, um erwachsen zu werden. Die Erwachsenen werden in der Regel 40 bis 55 Tage alt.

Umweltaspekte

In allen Betrieben mit intensiver Viehhaltung ist eine verantwortungsvolle Entsorgung von Abfallprodukten, die im Laufe des Betriebs anfallen, vorgeschrieben. Das gilt auch für die Grillenhaltung. Zu den anfallenden Abfällen gehören trockene Kraftfutterreste, Kot oder Ausscheidungen der Grillen sowie flüssige Abfälle in Form von Abwässern aus der Stallreinigung.

Fütterung von Insekten

Je nach Entwicklungsstadium benötigen Insekten unterschiedliche Mengen an Futter und Wasser. In den ersten 15 Tagen kommt in der Regel kommerzielles Insektenfutter aus Konzentrat zum Einsatz, das je nach Hersteller 14 bis 21 Prozent Rohprotein enthält. Dieses Futter fördert speziell das Wachstum der Tiere.

In der anschließenden 15- bis 30-tägigen Wachstumsphase werden dann in der Regel Nebenströme aus der Lebensmittelproduktion als Futtermittel eingesetzt. Etwa Weizenkleie, ein Nebenprodukt der Getreideverarbeitung, oder überschüssiges Obst und Gemüse, das es nicht mehr in die Regale der Lebensmittelmärkte schafft. Die Buffalowürmer, die in der größten Insektenfarm der Welt in den Niederlanden aufwachsen, erhalten beispielsweise unter anderem Beiprodukte aus den umliegenden Brauereien.

 

Zumindest ein Teil der Futtermittel für die Insektenzucht steht damit nicht in Konkurrenz zu wertvollen, menschlichen Lebensmitteln. Noch dazu sind Insekten im Vergleich zu anderen tierischen Eiweißquellen deutlich effizienter, was ihren Futterbedarf angeht. Ein Beispiel: Um auf dieselbe Menge an Protein zu kommen, brauchen Buffalowürmer 12 Mal weniger Futter als Rinder. Somit leistet die Insektenzucht nicht nur einen wichtigen Beitrag zum schonenden Umgang mit Ressourcen, sondern trägt obendrein dazu bei, Nahrungsmittelknappheiten zu verhindern.

Wie alle Lebewesen kommen auch Insekten nicht ohne Flüssigkeit aus. Im Vergleich zu anderen Nutztieren wie beispielsweise Rindern fällt dieser Bedarf aber deutlich geringer aus. Um 1 Kilogramm Insektenprotein herzustellen, braucht es 2500-mal weniger Wasser als für 1 Kilogramm Eiweiß aus Rindfleisch. Angesichts der schon jetzt in einigen Regionen der Welt vorherrschenden Wasserknappheit ein gewichtiges Argument pro Entomophagie.

Tötung von Insekten

Tötung klingt so martialisch. Nennen wir es Ernte. Die Ernte von Insekten erfolgt je nach Art nach rund 4 Wochen. Bereits im Vorfeld werden die Tiere – ähnlich wie bei der Garnelenzucht - auf Diät gesetzt, sodass der Verdauungstrakt leer ist. Anschließend machen sich die Hersteller den Umstand zunutze, dass Insekten wechselwarme Tiere sind, also ihre Körpertemperatur der Umgebungstemperatur anpassen. Geht die Umgebungstemperatur auf einen Wert von unter 21°C zurück, schalten sich sämtliche Funktionen des Organismus der Tiere ab und sie verfallen in eine Art Winterstarre. In diesem Stadium werden die Insekten dann gereinigt, gefriergetrocknet und je nach Bedarf weiterverarbeitet.

Wie die Tötung von anderen Nutztieren, wirft auch die Insekten-Ernte moralische Fragen auf. Die wichtigste: Können Insekten Schmerz empfinden? Die Antwort: Wir wissen es nicht genau. Tatsächlich ist es so, dass Insekten nicht über ein zentrales Nervensystem verfügen. Deshalb gehen viele Experten:innen davon aus, dass Insekten kein Schmerzempfinden haben. Zumindest keines, das mit dem des Menschen und dem anderer Säugetiere vergleichbar ist. Dennoch gilt als gesichert, dass Insekten eine Art Empfindungsvermögen besitzen. Ob dieses auch Schmerz beinhaltet? Einige Studien sagen ja, andere nein. Um diese Frage eindeutig zu beantworten ist eine genauere Untersuchung der kognitiven Fähigkeiten von Insekten erforderlich.

 

Zumindest eines steht aber fest: Die Tötung durch Verringerung der Umgebungstemperatur dürfte um einiges schonender sein als konventionelle Schlachtungsmethoden bei anderen Nutztieren, etwa durch Bolzenschuss oder Strom.

Herstellung von Insektenprotein

Nach der Ernte erfolgt die Gefriertrocknung. Bei diesem speziellen Verfahren werden die Insekten zunächst eingefroren und landen anschließend in einer Vakuum-Kammer, in der den Tieren Feuchtigkeit entzogen wird. So sind die Insekten über einen längeren Zeitraum haltbar und gleichzeitig bleiben Nährwerte, Struktur und Geschmack der Insekten erhalten.

Anschließend werden die gefriergetrockneten Insekten je nach Endprodukt weiterverarbeitet. Gemahlen wenn daraus Insektenmehl, Insekten Proteinpulver, Insekten Proteinriegel, Insektennudeln, Insekten Chips oder Insekten Burgerhergestellt werden sollen. Oder glasiert, wenn daraus beispielweise Insekten Snacks werden sollen.

Fazit

Die Herstellung von Insektenprotein bietet im Vergleich zu konventionellen tierischen Eiweißquellen eine Vielzahl an Vorteilen. Insektenzucht lässt sich mehr oder weniger standortunabhängig betreiben. Dieser Umstand sorgt nicht nur für niedrigere Einstiegshürden für Züchter:innen, sondern ermöglicht auch deutlich kürzere Transportwege. Darüber hinaus nimmt die Aufzucht der Tiere deutlich weniger Zeit in Anspruch – ca. 4 Wochen für eine Grille vs. ca. 2 Jahre für ein Rind. Unter anderem deshalb ist die Herstellung von Insektenprotein auch wesentlich effizienter und erfordert einen um ein Vielfaches geringeren Aufwand an Wasser und Futter. Letzteres stammt zum Teil sogar aus übrig gebliebenen menschlichen Lebensmitteln.

Ein gewichtiges Argument pro Entomophagie liefert auch die Art und Weise der Tötung, die – unabhängig von der Frage, ob Insekten Schmerz empfinden oder nicht – deutlich schonender ist, als konventionelle Schlachtmethoden bei Nutztieren. Und: Die Art und Weise, wie Insektenprotein hergestellt wird, erspart nicht nur den Tieren, sondern auch dem Menschen Leid. Denn unter anderem dank des von der Außenwelt abgeschirmten Zuchtbereichs sind Insekten deutlich weniger anfällig für Krankheiten und Keime. Das ermöglicht wiederum einen Verzicht auf Antibiotika oder die „Chemiekeule“. Na, überzeugt? Dann fang auch Du an mit dem Insekten essen.

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